Kiss Me, Kill Me, Thrill Me
- Überlegungen und Erklärungsversuche zum Thema Romantic Suspense -
Romantic waaaas? Suspense! Der Begriff ,Suspense' ist untrennbar verbunden mit Regisseur Alfred Hitchcock und tatsächlich, würde man einige seiner Welterfolge in Buchform packen (man denke zum Beispiel an "Der unsichtbare Dritte" oder "Über den Dächern von Nizza"), man hätte einen perfekten Romantic Suspense-Roman.
US-Autorinnen wie Sandra Brown oder Linda Howard haben in Deutschland seit Jahren eine große Fangemeinde. In ihrer Heimat gibt es für diese Art Romane eine eigene Genrebezeichnung: Romantic Suspense. Aber was ist das genau? Vereinfachend ausgedrückt sind es nicht „nur“ Liebesromane und nicht „nur“ Thriller sondern die Kombination von beidem.
Wenn man einen deutschen Buchhändler nach einem Romantic Suspense Roman fragt, wird man höchstwahrscheinlich wenig Aussicht auf Erfolg haben. Mehr Glück hat man vielleicht, wenn man nach „so etwas wie Sandra Brown“ fragt, dann könnte es aber immer noch passieren, dass man einen Roman von Susan Elizabeth Phillips empfohlen bekommt, die ja auch gut und erfolgreich Liebesromane schreibt, aber es ist dann doch nicht eigentlich das, was man meinte.
Selber den Buchladen durchsuchen gestaltet sich auch schwierig; die „Beute“ versteckt sich entweder in der schrill rosafarbenen Liebesromanabteilung oder im Krimiregal (Agentengeschichten mit Piratencover sind leider nicht die Ausnahme). Im einen Fall werden unter Umständen nichtsahnende Leserinnen damit gefrustet, die eigentlich auf der Suche nach leichter problemfreier Unterhaltung oder einer reinen Beziehungsgeschichte waren und im zweiten kann es gut sein, dass ein männlicher Kunde die Krise kriegt, wenn er zuviel Gefühl statt Geballer in seinem Thriller vorfindet. Bestenfalls können beide ihren Horizont erweitern und haben ein paar angenehme Lesestunden. Aber tatsächlich habe ich schon mal die ein oder andere wenig-Sterne Bewertung bei Amazon von einem verärgerten männlichen Leser als Hinweis auf einen etwaigen Roman aus meinem Lieblingsgenre nutzen können. Gewusst wie
Fair wäre da doch ein passendes Label, ein Gütezeichen, eine Hilfestellung zum Kauf. Dabei stellen sich aber gleich mehrere Probleme. Einige weibliche Autorinnen geben sich selbst Pseudonyme, die nur aus Vornamen-Initialen bestehen, um eben nicht eine allein weibliche Zielgruppe anzusprechen (z.B. J.D. Robb, die ja auch als Nora Roberts sehr erfolgreich u.a. Romantic Suspense Romane schreibt). Zweitens gibt es bislang überhaupt keine brauchbare deutsche Bezeichnung für Romantic Suspense. Zur Zeit gibt es Bemühungen, den Begriff „Lady Thriller“ zu etablieren, aber, außer dass er nicht gerade weniger „denglisch“ als Romantic Suspense klingt, bleibt hier reichlich Spielraum für Spekulationen. Lady Thriller, Lady Killer..... Werden darin etwa Ladies gekillt oder killen die Ladies? Richtet sich die Geschichte an eine weibliche Leserschaft oder ist einfach nur gemeint, dass eine AutorIN am Werke war? Ist es eine Warnung für die Männerwelt? Vorsicht, hier wird erst geredet und dann geschossen? Der übersetzte Begriff „romantische Krimis“ lässt auch eher heftig zusammenzucken - wie können Verbrechen romantisch sein?
Ein anderer in Deutschland gebräuchlicher Begriff ist „Romantic Thriller“. Damit wird aber ein relativ weites Feld abgedeckt, obwohl er doch eigentlich die sogenannten „Gothic“-Romane bezeichnet. Ein berühmtes Beispiel hierzu bieten die zahlreichen Werke der britischen Erfolgsautorin Victoria Holt. Zweifellos hat sich Romantic Suspense aus dem Romantik Thriller entwickelt; einen klassischen Romantik Thriller kann man aber an ein paar markanten Merkmalen erkennen. Erstens spielt die Handlung meist in der Vergangenheit, zum zweiten wird sehr oft aus der Sicht der Heldin in der 1. Person erzählt. Ein weiteres unverzichtbares „Accessoire“ für die Heldin ist ein altes Gemäuer (Schloss, Burg, Herrenhaus), von dem sie fasziniert ist und das sie fest im Bann hält. Außerdem hat die Heldin fast immer Grund zur Annahme, dass ihr vom Helden aus Gefahr droht, was der ganzen Story etwas finster-bedrohliches gibt, einen beinahe gruseligen Unterton - „gothic“ eben.
Moderne RS-Autorinnen greifen durchaus diesen letzten Punkt auf, hier sei z.B. Anne Stuart genannt. Aber in den meisten Fällen heutiger Romantic Suspense Geschichten droht der Heldin die Gefahr von außen.
Bei dieser modernen Variante, den Romantic Suspense also, haben wir sehr oft eine Detective-, Agenten- oder Bodyguardgeschichte. Militär-Stories werden selten übersetzt, erfreuen sich in den USA aber wachsender Beliebtheit; die US-Autorin Suzanne Brockmann z.B., die sich darauf spezialisiert hat, kletterte damit sogar in die New York Times Bestsellerliste und renommierte Magazine bringen ausführliche Artikel über sie. Romane über Feuerwehrmänner sind nach dem 11. September ebenfalls häufiger im Angebot der amerikanischen Romanceverlage zu finden und viele RS-Helden haben einen militärischen Hintergrund.
Kritiker des Genres bemängeln, dass hier sehr oft das schwache Weibchen von einem starken männlichen Helden aus der Lebensgefahr gerettet werden muss (als ob das im „Nur“-Liebesroman anderes wäre), aber Tatsache ist, dass eigentlich für jeden etwas zu finden sein müsste: der starke Alphaheld, der im Alleingang alle Probleme - auch die Zweibeinigen - beseitigt oder eine Konstellation, in der Held und Heldin sich beide auf ihre Stärken besinnen müssen und zum Team werden, um gemeinsam ihren Hals zu retten. Eine neue Entwicklung sind Romane mit so genannten „Kick-Ass“ Heldinnen, wie sie die inzwischen leider schon wieder eingestellte Silhouette Bombshell-Reihe bevölkern. Hier übernehmen die Heldinnen die führende Rolle, meist in typischen Roman-Männerberufen; es gibt Geheimagentinnen, Abenteurerinnen, Polizistinnen. Ob man diesen Rollentausch mag, bleibt dahingestellt; dass die Welle zu uns herüberschwappt, ist mehr als wahrscheinlich.
Bleibt die Überlegung, wie die richtige Mischung zwischen Romance und Suspense aussehen sollte und wie weit man den Begriff fassen will. Das ist immer Auslegungssache und auch US-Verlage verfolgen da nicht immer eine einheitliche Strategie. Mal wird ein Roman als Romantic Suspense auf dem Buchrücken gekennzeichnet, dann wird eine exakt gleichgeartete Geschichte als Mainstream oder Mystery angepriesen. Gehören Kriminalromane mit weiblichen Amateur-Schnüfflerinnen, die beim Verbrechenaufklären am Rande über die Liebe ihres Lebens stolpern auch noch dazu oder muss die Beziehung einen gleichen Teil wie die Spannungshandlung einnehmen? Manche Handlungsverläufe sind tempo- und actionreicher als andere, da kann eine zu ausführliche Romancehandlung störend oder unrealistisch wirken; hierzu gehören die Bücher von Iris Johansen oder Tess Gerritsen. Dann gibt es wieder Geschichten, wo der Romanceanteil vorherrschend ist. In den USA gibt es sogar Erotic Romantic Suspense (u. a. von Shannon McKenna). Einige wenige Autorinnen wie z.B. Linda Howard können die Beziehung zwischen Held und Heldin so intensiv und knisternd gestalten, dass hier noch mal extra Spannung, neben der eigentlichen Gefahr, ins Spiel kommt und das Verhältnis R zu S harmonisch erscheint.
Sind Romantic Suspense Romane nun der große Renner? In den USA wird das Genre abwechselnd zum Trend und dann wieder für tot erklärt. Das Angebot jenseits des Teiches ist aber recht groß und im Augenblick kommen Neuerscheinungen gern als Trilogien daher. In Deutschland hat man die Auswahl an Romantic Suspense Romanen schneller durchgearbeitet, obwohl viele Bestseller-Autorinnen aus dem Historical-Bereich in den letzten Jahren auf Spannungsromane umgestiegen sind und auch regelmäßig ins Deutsche übersetzt werden. Prominente Beispiele hierfür sind zum Beispiel Iris Johansen, Catherine Coulter oder Julie Garwood. Neue Autorinnen wie Cherry Adair und Jane Graves kamen hinzu. Die Zahl der deutschen Romantic Suspense Autorinnen hingegen ist aber mehr als überschaubar, bzw. mir fällt nur eine einzige ein: Michelle Raven. Über die Gründe, warum nur wenige deutsche Autorinnen dieses Feld für sich beanspruchen, lässt sich nur spekulieren und das lasse ich lieber.
So, soviel zur Theorie, jetzt aber einen RS geschnappt und lesen, lesen lesen.
Ina